Riss des vorderen Kreuzbandes

Kreuzbandrisse stellen das häufigste orthopädische Problem beim Hund dar. Das liegt vermutlich daran, daß gerade das vordere Kreuzband neben einer erheblichen Belastung auch einem Degenerationsprozess ausgesetzt ist. Möglicherweise aufgrund einer relativ schlechten Blutversorgung werden die Fasern des Bandes mit der Zeit unelastischer und verkalken. Speziell in der Mitte des vorderen Kreuzbandes, dort, wo vorderes und hinteres Kreuzband aneinander reiben, kommt es dann nach vielen kleinen und im einzelnen völlig undramatischen Traumata zum Reißen. Einzelne Unfälle oder ungünstige Belastungen wie Ausrutschen, Hängen bleiben oder Verdrehen nach einem Sprung sind nur selten und wenn überhaupt, dann bei jungen Hunden die Ursache eines Kreuzbandrisses. In diesen Fällen reißt das Band eher an seiner Ansatzstelle ab.

 

Das vordere Kreuzband ( >>) verhindert im intakten Zustand, dass der Oberschenkelknochen nach vorne über das Plateau der Gelenkfläche des Schienbeins hinausgleitet (siehe auch:Anatomie des Kniegelenks). Je nach der beim Hund individuell unterschiedlichen Kraft der übrigen Bänder, der Gelenkkapsel und der Muskeln wird das Gelenk daher nach einem Kreuzbandriss abnorm beweglich und kann sich auch leichter verdrehen. Das betroffene Hinterbein wird daher zur Schonung weniger stark belastet und fällt durch kürzere Schritte auf. Die Symptomatik kann dabei stark variieren: Manche Hunde benutzen die Gliedmaße kaum noch, bei anderen ist die Lahmheit weniger ausgeprägt und kann sich sogar in den ersten Wochen verbessern, weil die das Gelenk umgebende Muskulatur die Stützfunktion übernimmt. Dies ist aber in aller Regel nur eine scheinbare und vorübergehene Besserung, weil oft das Band nur angerissen war und in der Folge komplett reißt oder weil im Lauf der Zeit andere Strukturen des Gelenks geschädigt werden. Besonders schwere Lahmheiten sind zu erwarten, wenn der innere Meniskus, der gut mit Nerven versorgt ist, in Mitleidenschaft gezogen wird.

 

Eine konservative Therapie, das heißt eine Behandlung ohne Operation, ist in aller Regel nicht erfolgversprechend, weil das Knie zu instabil bleibt und sich nachfolgende Schäden am Gelenk, über längere Sicht auch Arthrosen ( -->), entwickeln. Lediglich bei sehr leichten Hunden kann eine Ruhigstellung über 6 bis 8 Wochen und gleichzeitige Therapie mit entzündungshemmenden Medikamenten versucht werden. Grundsätzlich ist jedoch auch bei ihnen eher eine Operation anzuraten.

 

 

Die allen anderen Techniken überlegene Methode gibt es nicht. Daher bemühen wir uns, die im individuellen Fall für den jeweiligen Hund und seinen Besitzer sinnvollste Operationstechnik auszuwählen und anzuwenden.

 

 

Grundsätzliches zur Biomechanik des Kniegelenkes:

 

Der Oberschenkelknochen hat die Tendenz nach Hinten zu gleiten, bzw. der Unterschenkelknochen die Tendenz nach vorne zu gleiten.

 

Das intakte Kreuzband wirkt dieser Scherbewegung entgegen.

 

 

 

Grundsätze der Behandlung:

 

Option 1:

 

Das Kniegelenk wird außerhalb des Gelenkes stabilisiert, durch einen Faden der die Verlaufsrichtung des Kreuzbandes imitiert. ( TightRope und Tibiofabelläre Verzügelung)

 





Option 2:

 

Eine chirurgische Veränderung der Gelenkgeometrie um den Kräften im Kniegelenk entgegenzuwirken.

 

Dazu ist eine Osteotomie (Durchtrennung des Knochens) im gewichtstragenden hinteren Teil notwendig, die zu einer punktuellen Mehrbelastung der der Menisken (Stoßdämpfer des Kniegelenkes) führt. ( TPLO und TTO) Bitte beachten Sie, dass wir keine TPLO unter Anderem aus den oben erwähnten Gründen anbieten, aber zum kompletten Verständnis diese Operationsmethode erwähnen.

 




Option 3:

 

Eine chirurgische Veränderung des Kräftevektors um die Gelenksgeometrie auszugleichen.

 

Hierbei wird der Knochen im vorderen, nicht gewichttragenden Teil durchtrennt, was zu einer gleichmäßigeren Druckbelastung im Gelenk führt. ( TTA, MMP, MMT)


 

 




Tight Rope

 

Bei dieser 2005 von Arthrex entwickelten OP-Methode wird das Gelenk von außen stabilisiert, indem ein besonders stabiler Faden, der speziell als Bandersatz entwickelt wurde, beide Knochen auf eine bestimmte Weise verbindet. Zu diesem Zweck müssen sowohl durch den Rollkamm an unteren Ende des Oberschenkelknochens als auch unterhalb der Gelenkfläche des Schienbein jeweils von der Außen- zur Innenseite des Gelenks ein Kanal von gut einem Millimeter Durchmesser gebohrt werden. Dabei wird der Bohrkanal im Oberschenkel in einem Winkel von 45 bis 60° nach oben ausgerichtet, der im Schienbein in ähnlichem Winkel nach unten. Dann wird der Faden (Tight Rope) zunächst von innen nach außen durch den Kanal im Schienbein und dann von außen nach innen durch den im Oberschenkelende geführt. Mittels einer zu diesem Zweck angefertigten Spannvorrichtung und Metallknöpfen, die ein Herausrutschen der Fadenenden verhindern, kann das Implantat so stark gestrafft werden, wie es für die Stabilisation des Gelenks nötig ist, ohne auf der anderen Seite die Bewegung zu behindern. Angeregt durch die Operation übernimmt das das Gelenk umgebende Gewebe einen wesentlichen Teil der Stützfunktion. Das Implantat reißt im Verlauf der kommenden Jahre; dann kann jedoch das Narbengewebe, das sich entwickelt hat, das Gelenk stabilisieren.

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Stabilisierung des Gelenks anhand eines hochwertigen Fadenimplantat, das durch zwei Bohrkanäle in den Knochen geführt wird und ideal gespannt werden kann

Vorteile:

  • geringe Traumatisierung der das Gelenk umgebenden Knochen

  • optimaler Bandverlauf unter Berücksichtigung des isometrischen Punktes

  • gute Ergebnisse auch bei Katzen mit Kniegelenksluxation

Nachteile:

  • verhältnismäßig hohe Implantatskosten im Vergleich mit der tibio-fabellären

  • VerzügelungKomplikationsrate: 4,8%3 bis 8,9% und damit niedrigere Werte als andere OP-Verfahren

 


 

 

Tibio-fabelläre Verzügelung

 

Bei diesem, dem ältesten Operationsverfahren zur Stabilisierung des Kniegelenks, das seit seiner Entwicklung durch Flo1 1975 teilweise etwas verändert wurde, wird lediglich ein Bohrkanal durch die Vorderseite des Schienbein gelegt. Ein Faden kann dann durch diesen Bohrkanal und von da aus um die so genannte Fabellen geführt werden. Dabei handelt es sich um zwei kleine Knochen, der an der Hinterseite des Oberschenkelrollkamms, einer an der Außen- und einer an der Innenseite des Gelenks, in einer Muskelendsehne liegen. Sie eignen sich gut für eine Befestigung des Fadens. Durch diese Verbindung kann das Schubladenphänomen, also die zu starke Beweglichkeit des Schienbeins nach vorne, sowie eine übermäßige Drehung im Gelenk verhindert werden. Oft reicht ein Faden, der zur äußeren Fabella führt; zur besseren Stabilisierung kann aber auch die innere Fabella mit dem Bohrkanal verbunden werden. Wie bei der Tight-Rope-Methode reißt dieses Implantat ebenfalls oft im späteren Verlauf und das Gelenk wird durch das entstandene Narbengewebe gestützt. Diese Methode wird häufig bei kleinen Hunderassen angewandt.

 

 

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Stabilisierung des Gelenks mithilfe eines Fadens, der durch einen Bohrkanal im vorderen Schienbein und um die Fabellen geführt wird

Vorteile:

  • Kürzeste reine Operationszeit aller Verfahren, daher auch für Risikopatienten hinsichtlich der Narkose gut anwendbar
  •  Minimales Knochentrauma
  • Vergleichsweise niedrige OP-Kosten
  • Über die Jahre oft angewandte Methode, dadurch großer Erfahrungsschatz hinsichtlich der Durchführung und des am besten geeigneten Fadenmaterials

Nachteile:

  • Längere Schonung nach der OP nötig als z.B. bei TTA oder MMP
  • Nicht empfehlenswert für sehr junge und athletische Hunde oder schwere Rassen.

 

  • Komplikationsrate: ca. 17%

 

 


TTA – Tibial Tuberosity Advancement


Die oben stehende Überschrift bedeutet auf Deutsch etwa so viel wie „Vorrücken der Tuberositas tibiae". Bei der Tuberositas tibiae handelt es sich um einen Knochenvorsprung am vorderen Rand des Schienbeins, und dieser wird in der Tat operativ ein Stück nach vorne verlegt. Dazu muss die ganze Knochenkante abgetrennt werden und wird dann, nach vorne gekippt, mit einer Metallplatte wieder am Schienbein befestigt. Dabei handelt es sich um hochwertige Titanimplantate, die es in einer Vielzahl an Größen gibt und somit den Verhältnissen beim individuellen Hund optimal angepasst werden können. Der dabei entstehende Hohlraum wird mit körpereigenem Knochenmaterial aufgefüllt. Nach 8 bis 12 Wochen besteht wieder eine knöcherne Verbindung zwischen der Tuberositas tibiae und dem restlichen Knochen, so dass die Platte entfernt werden kann.

 

Was ist der Sinn einer solchen Verlagerung? Die Endsehne des Quadrizeps-Muskels, in dem auch die Kniescheibe liegt, ist an der Tuberositas tibiae befestigt. Je stärker sie gebogen ist, also sozusagen „um die Kurve muss", desto mehr Zugkräfte nach vorne wirken auf das Schienbein – also genau die Bewegung, die das vordere Kreuzband aufhalten soll. Mit der Vorverlegung strebt man einen senkrechten Verlauf der Sehne an und verringert die Zugkraft im Idealfall auf nahezu Null. Unter den dann gegebenen anatomischen Bedingungen kann das Gelenk auch ohne das Kreuzband stabil gehalten werden.

 

Die Methode der TTA wurde von Kyon am Tierspital Zürich ab 2001 entwickelt und ist heutzutage weltweit die Methode der Wahl in den meisten Überweisungskliniken.

 

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Veränderung des auf das Kniegelenk wirkenden Kräfte durch Abtrennen und etwas versetztes Anplatten der vorderen Knochenkante am Schienbein

Vorteile:

  • Wir verwenden ausschließlich Originalimplantate ® hochwertiges Material

  • Individuelles Herstellen einer optimalen Kniegelenksmechanik

  • Frühes Belasten des betroffenen Beines

  • Gute Erfolgschancen (laut Hundebesitzern gute bis exzellente Ergebnisse zu 90 – 93%)

Nachteile:

  • Eingriff ist invasiver als bei den das Gelenk von außen stabilisierenden Maßnahmen

 

  • Komplikationsrate: ältere Studien 12 bis 20%, teilweise bis 38%; neuere Studie 7%

 

 


MMP- Modified Maquet Procedure

 

Bei diesem Operationsverfahren handelt es sich um eine ausgesprochen schonende und Erfolg versprechende Weiterentwicklung der zuvor beschriebenen TTA, die von der Firma Orthomed auf der Basis von Maquets orthopädischen Techniken am menschlichen Kniegelenk entwickelt wurde. Vom Prinzip und der Zielsetzung her entspricht der Eingriff genau dem, was unter dem Stichwort „TTA" erklärt wurde. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass statt einer Platte zur Befestigung der Knochenkante ein Implantat aus Titanschaum verwendet wird. Er hat die Form eines Keiles und kann dadurch perfekt in den zwischen vorverlagerter Knochenkante und Schienbein entstehenden Hohlraum eingesetzt werden. Zur Befestigung sind lediglich eine Art Nagel und ein auf Zug gebrachter Draht nötig, weil die Knochenkante im unteren Bereich mit dem Schienbein verbunden bleiben kann. So können Bohrlöcher im Knochen, wie sie bei einer Platte nötig sind, entfallen. Das Keilimplantat ist porös und kann dadurch schnell und leicht von körpereigenem Knochenmaterial durchwachsen werden.

 

Neben der einfacheren und für den Hund weniger traumatisierenden Operation ist diese Methode mit einem Messsystem verbunden, dass es dem Operateur einfacher macht, den angestrebten senkrechten Zug der Quadrizepssehne auch wirklich zu erreichen.

 

 

Das Wichtigste in Kürze:

 

  • Vergleichbar der TTA, jedoch mit einem Implantat, das die exakte Winkelung einfacher macht, leicht vom Knochen durchwachsen und schonender eingesetzt werden kann

 

 

Vorteile:

 

  • Kürzere Operationszeit

  • Weniger Knochenbohrungen und damit geringere Anfälligkeit des Knochens

  • Kein auf dem Knochen liegendes und damit eventuell die Wundheilung störendendes Implantat

  • Einfache und damit weniger fehleranfällige OP-Methode

 

 

Nachteile:

 

  • Neue Methode, dadurch geringere Fallzahlen und weniger Erfahrungswerte bezüglich Langzeitprognose und Komplikationsraten (nach frühen Studien ca. 4%)

 

 


TTO – Triple Tibial Osteotomy

 

Dieses Verfahren kombiniert Elemente und Zielsetzungen der TTA mit solchen der hier nicht näher angeführten TPLO. Entwickelt wurde es ab 2002 von Bruce an der Universität in Brisbaine (Australien). Wie bei der TTA wird die vordere Knochenkante des Schienbeins abgetrennt und zur Veränderung der Gelenkkräfte nach vorne verlagert. Zusätzlich soll aber auch die Gelenksgeometrie dadurch verändert werden, dass die Gelenkfläche des Schienbeins eine andere Winkelung bekommt. Die Theorie, die dahinter steht: Wenn die Gelenkfläche möglichst senkrecht zur Achse des Schienbeins verläuft, dann kann unnötiger Druck auf den vorderen Teil der Gelenkfläche vermieden und das gelenk dadurch geschont werden. Zu diesem Zweck wird unterhalb des Gelenks nach dem Längsschnitt entlang der vorderen Knochenkante noch ein Schnitt quer von vorne nach hinten durch das Schienbein gelegt. Auf diese Weise kann im nächsten Schritt die Gelenkfläche im vorderen Teil etwas nach oben verlagert und die so genannte Crista Tibiae nach vorn gekippt werden. In der gewünschten Position wird alles durch eine t-förmige Metallplatte, die auf das Scheinbein geschraubt wird, miteinander fixiert.

 

Nach wie vor wird dieses Verfahren hauptsächlich im australischen Raum angewandt.

 

Das Wichtigste in Kürze:

 

  • Durch zwei Knochenschnitte mit anschließender Verplattung werden sowohl die Kräfteverhältnisse im Gelenk als auch der Kraftvektor der Quadrizepssehne zugunsten der Stabilität im Knie verändert

 

 

Vorteile:

 

  • Kombiniert TTA und TPLO

 

 

Nachteile:

 

  • Zahl der nachfolgend durchgeführten Untersuchungen ist gering

  • 2 Knochenschnitte sind nötig, anstatt einem.

 

 

  • Komplikationsrate: bis zu 36%